Das offizielle Bundesratsfoto

"Der Studienbereich Fotografie wurde im Sommer 2005 vom jetzigen
Bundesratspräsidenten Moritz Leuenberger angefragt, die Gestaltung der
diesjährigen Autogrammkarte des Bundesrats zu übernehmen. Eine Auswahl
von Studierenden arbeiteten drei Vorschläge aus, welche Bundesrat
Leuenberger vorgelegt wurden. Trotz aller Freiheiten, fühlte man sich
sehr eingeschränkt: Von der Körperhaltung bis hin zur Kulisse musste
alles durchdacht und gedeutet werden, so dass am Schluss nur der
Bundesrat in seiner Funktion zurückbleiben sollte. Moritz Leuenberger
entschied sich für den Vorschlag mit einer Schweizer Flagge, die gross
und dreidimensional sein sollte, damit sich der Bundesrat in die Flagge
stellen konnte.
Dann gings los mit basteln und proben, abklären und besprechen. Bis
dann am
9. 12. 2005 ganz kurz und schmerzlos ein Foto entstand,
welches zu Jahresbeginn in allen Tageszeiten erschien und sogar das
Deko für die offizielle Neujahrsansprache von Leuenberger wurde.
Patriotismus hin oder her, es zeigt was ist!"
Gesamtverantwortung: André Gelpke
Technische Verantwortung: Urs Siegenthaler
Beteiligte Studierende: Anna Colby, Jojakim Cortis, Regine von Felten,
Giuseppe Micciché, Adrian Sonderegger
Leitartikel
Völkerwanderung
Von Konrad Mrusek
F.A.Z., 21.01.2006 / Seite 1
20. Januar 2006 Es ist nicht so sehr der Gastarbeiter Gerhard Schröder,
der die Schweizer irritiert. Schon vor dem Teilzeit-Job des Kanzlers
a.D. in Zürich regte sich leiser Unmut über die Deutschen. Man klagt
nicht über die herablassend-gönnerhafte Art des großen Nachbarn, wie es
früher einmal war, oder über einen Mangel an Zuwendung. Jetzt ist es
vielmehr eine allzu große Zuneigung, die die Schweizer verunsichert.
Denn sie führt zur stetig wachsenden Zuwanderung. Schröder ist nur
einer von 12000 Deutschen, die im letzten Jahr südlich des Rheins einen
Job fanden.
Die Schweizer hatten noch nie etwas gegen reiche Rentner oder
Steuerflüchtlinge wie Michael Schumacher oder Boris Becker. Die
erhalten in einigen Kantonen sogar Rabatt beim Finanzamt. Doch jetzt
kommen vor allem Normalverdiener. Die sind gut ausgebildet, reden
schneller, sind manchmal auch fixer als die Schweizer und schnappen
sich viele Arbeitsplätze. Es gibt Kliniken, da sind Kranke teilweise
schon völlig in deutscher Hand. Nach den Ärzten murren nun Dentisten,
es regt sich gelegentlich auch Unmut bei Architekten und Professoren. Als
jüngst Bundespräsident Moritz Leuenberger eine Zürcher Hochschule um
eine Designidee bat für das alljährliche Regierungsfoto, da kam er
selbst bei dieser offiziösen Offerte um deutsche Grafiker nicht herum.
Noch sind die Deutschen kein Politikum, noch schimpft niemand laut über
Germanen mit gußeisernem Charme. Doch es gibt Warnsignale. Sie sind
bisher von zurückhaltender Art, weil Schweizer nun einmal nicht so
deutsch-deutlich, sondern eher nett sind. Man spürt aber das Befremden
in der Straßenbahn, wenn es von hinten zuviel und zu laut hochdeutsch
tönt. Andere fühlen sich zusehends unwohl, weil sie im Laden um die
Ecke nicht mehr in Mundart einkaufen können. Karikaturisten haben das
Thema bereits aufgegriffen: Sie zeichnen das Großraumbüro einer Bank,
in dem ein Deutscher mit einem lauten Telefongespräch nervt und ein
Schweizer wütend vor sich hinmurmelt: "Das erinnert mich sehr an meine
Ferien auf den Kanarischen Inseln."
Vor allem in Zürich ist die Zuwanderung stark spürbar. Da sind die
Deutschen inzwischen die größte Ausländergruppe. Im gesamten Land sind
sie bereits auf Rang vier - hinter Italienern, Ex-Jugoslawen und
Portugiesen. Der dritte Platz ist in Reichweite. Das liegt einerseits
daran, daß viele Deutsche aus der heimischen Misere flüchten, und es
hat andererseits damit zu tun, daß die Schweiz sich weniger abschottet.
Seit Mitte 2004 gilt für die Deutschen, ähnlich wie die Bürger aus den
"alten" EU-Staaten, die erleichterte Personen-Freizügigkeit. Ein
Arbeitgeber muß, wenn er einen Ausländer einstellt, nicht mehr
nachweisen, daß es keinen Schweizer für den Job gibt.
Das Land profitiert von der deutschen Migration. Unternehmen freuen
sich über die größere Auswahl an Fachkräften und den Druck auf die
hohen Schweizer Löhne. Nicht zuletzt Hoteliers und Gastronomen sind
begeistert, daß zusätzlich zu deutschen Gästen nun auch die Kellner
kommen. Es sind fast ausschließlich Ostdeutsche. Sie sind in der
Schweiz viel weniger miesepetrig als in der Mark Brandenburg, weil es
Arbeit und gutes Geld gibt. Man findet die "Ossis" inzwischen nicht
bloß in Touristenzentren Graubündens oder des Wallis, sondern selbst in
der Schweizer Provinz. In den Restaurants freut man sich über die
Germanisierung, denn die Ostdeutschen ersetzen Serben und Kroaten. Und
die waren höchst unbeliebt als Saisonkräfte. Es gibt noch einen anderen
Grund, warum die Schweizer die Ostdeutschen mögen: Sie wirken nicht so
arrogant wie die Wessis. Das Verhältnis der (Deutsch-)Schweizer zu den
Deutschen ist psychologisch sehr interessant. Es ähnelt dem
komplizierten Muster in einer Verwandtschaft, wechselt zwischen
Zuneigung und Haßliebe. Für das schwierige Verhältnis sorgt vor allem
die Sprache. Der Dialekt gehört zur Schweizer Identität, er ist für den
Kleinen das sprachliche Band gegenüber dem allzu nahen Großen. Doch
zugleich erwächst aus der forcierten Mundart das Gefühl der
Minderwertigkeit: Sobald ein Deutscher auftaucht, ist man sprachlich
unterlegen, selbst wenn der Deutsche ein Depp ist. Das wird
kompensiert, indem man sich den Nachbarn etwas vom Leib hält.
Obwohl die Deutschen weit weniger beliebt sind als Franzosen oder
Italiener, wissen die Schweizer, daß sie mit den Deutschen am besten
zusammenarbeiten können - und dies nicht allein der Sprache wegen. Die
Erfahrung ist historisch belegt. Im 19. Jahrhundert, nach der Gründung
des Bundesstaates, wimmelte es in dem Land von Deutschen. Entweder
waren es Professoren, die in das liberale Zürich flohen (Gottfried
Semper, Theodor Mommsen), oder findige Apotheker wie Henri Nestle aus
Frankfurt, der am Genfer See Milchpulver verkaufte. Als der
Schriftsteller Gottfried Keller 1855 aus Berlin in die Heimat
zurückkehrte, wunderte er sich, wieviel Hochdeutsch in Zürich zu hören
war. Damals gab es in der Stadt deutsche Handwerkervereine und Tausende
von deutschen Unternehmern.
Der Erste Weltkrieg und vor allem Nazi-Deutschland haben diese enge
Verbindung unterbrochen, und die Folgen der Entfremdung sind auf
Schweizer Seite immer noch spürbar. Doch das Land mußte schon immer
Ausländer locken, mit niedrigen Steuern und guter Lebensqualität, denn
man braucht sie für die Wirtschaft. Die ist zu groß für das heimische
Reservoir. Der Zustrom deutscher Migranten ist somit einerseits
erwünscht und zudem eine historische Normalisierung. Doch bei allen
Vorteilen, die jetzt die deutsche Schwäche der Schweiz bietet: Auch die
Eidgenossen müssen sich bald einen ökonomisch stärkeren Nachbarn
wünschen, weil sonst zu viele Teutonen kommen.
Text: F.A.Z., 21.01.2006 / Seite 1
12.02.2006