Wieder einer weniger

Neo Rauch, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen deutschen Maler, gibt seine Professur für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leibzig auf. Warum?

In einem Interview (FAZ vom 22. 7. 2008) gibt er einige Hinweise, die verallgemeinert werden können. Neo Rauch: "Es ist nicht möglich, mich hier in dem notwendigen Maße einzubringen und gleichzeitig meine Atelierangelegenheiten zu verwalten." Die Anforderungen, an im Kunstmarkt erfolgreiche Künstler, ist in den letzten Dekaden enorm gestiegen. Es gibt einen permanenten Produktionsdruck, die Ausstellungen müssen organisiert und die Galeristen und Sammler bei Laune gehalten werden. Mehr als ein Fulltimejob!

Allerdings gilt ähnliches für die Hochschulen. Die Zeiten, in denen ein Professor seine paar Schäfchen bediente und ansonsten im Atelier (oder der Kneipe) verschwand sind vorbei. Die Zunahme der Studierenden, die Gremienarbeit und die neue Formalisierung des Studiums durch die Bologna-Reform haben den Arbeitsaufwand vervielfacht, ohne dass das allerdings an der Qualität der Ausbildung ablesbar wäre.

Es sind nun auch andere Kompetenzen gefragt: "Die Fragen des Haushalts vermögen mich nicht zu fesseln, und ich staune darüber, wie andere Kollegen am Ball bleiben und sehr akzentuierte Fragen zu bestimmten Aspekten der Haushaltsführung stellen können. Ich musst da ausbrechen, ...", so Neo Rauch. Der Spagat, dass man am liebsten nur sehr gute und natürlich berühmte Künstler einstellen möchte, sie aber gleichzeitig Verwaltungs-. Management und Führungskompetenzen mitbringen sollen, ist in jeder Findungskommissionsitzung präsent. Die Wahl: berühmt und innerhalb der Hochschule kaum aktiv oder unbekannt und dafür um so aktiver. Oder in Neo Rauchs Worten: "Die Schule muss Bedingungen schaffen, damit es nicht der Kollege Pickelhuber aus Kleinkleckersdorf sein wird, der den Glanz des Hauses mehrt." Diese Bedingungen sind aber nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Akademisierung der Kunstausbildung, mit der Einführung von Bachelor und Master, wird durch den 3. Zyklus, die Promotion (Kunst-Doktor!) erst komplett. In einigen Ländern, die diese Fragwürdigkeit schon länger praktizieren (Grossbritannien, Australien), wird eine Promotion immer mehr zu einer Vorraussetzung, um eine Kunst-Professur zu erhalten. Es zeichnet sich dort eine Trennung ab: Entweder man geht als Künstler den akademischen Weg oder den der Marktwirtschaft. Die Selbstverständlichkeit, als erfolgreicher Künstler an der Ausbildung des Nachwuchses mitzuwirken, geht verloren. Für Künstler ist Unterrichten zum Luxus geworden.

Noch einmal Neo Rauch: "Da unterrichte ich lieber unentgeltlich".
23.07.2008
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© Ulrich Görlich 2006 - 2008, aktualisiert am 1. Januar 2009