Urs Fischer

Wer hat Angst vor Jasper Johns?
"Who's Afraid of Jasper Johns?" So heißt die aktuelle Ausstellung in der Galerie von Tony Shafrazi an New Yorks 26. Straße. Hinter dem kryptischen Titel verbirgt sich eine wahrlich ungewöhnliche Schau. Von Lisa Zeitz
New York. Der New Yorker Galerist Gavin Brown und der Schweizer Künstler Urs Fischer haben bei Tony Shafrazi eine wunderbare, wunderliche Ausstellung installiert, wie sie selbst New York noch nicht gesehen hat. Brown und Fischer sind für aufsehenerregende Eingriffe in die Ausstellungspraxis bekannt, seit auf dem teuren Stand von Gavin Brown während der Art Basel in Miami Beach 2006 nichts außer einer leeren Zigarettenschachtel an einem Nylonfaden gezeigt wurde. Bisher verband die beiden nicht viel mit Tony Shafrazi, aber Gavin Brown insistierte bei ihm - und brachte Shafrazi dazu, wie dieser es ausdrückt, sich "ihm vollkommen auszuliefern".
Schon die postergroße Einladung hatte Schockwirkung; denn sie zeigt auf einem Schwarzweißfoto Shafrazi höchstpersönlich, wie er als junger Künstler im Jahr 1974 im Museum of Modern Art von der New Yorker Polizei abgeführt wird: Wenige Minuten zuvor hatte er aus Protest gegen den Vietnamkrieg auf Picassos "Guernica" - das berühmteste Kunstwerk, das je gegen den Krieg geschaffen wurde - ein Attentat verübt. Das blutrote Graffiti auf dem Gemälde, das er mit einer Spraydose auftrug - "KILL LIES ALL" - bezeichnete er später als sein "Kreuz", das er seit dieser Zeit mit sich herumtragen musste. Und da wagen Brown und Fischer es, aus diesem Tiefpunkt ein Rockstar-Motiv zu machen, und die Shafrazi Gallery verschickt die Poster? Ein Rätsel.
Über die breiten Eingangsstufen zur Galerie rauscht ein Wasserfall in plastikumhüllten Kaskaden. Rob Pruitt hat das bläuliche Wasser, das durch Pumpen immer wieder über die Stufen geleitet wird, mit Potenzmittel versetzt. Oben an der Quelle angekommen, stehen Becher für die Besucher bereit, sich daran zu erfrischen. Ob die "Viagra Falls" ihnen übernatürliche Kräfte für die kommenden Kunstgenüsse verleihen sollen? Oder ob sie auf Tony Shafrazis fünfundsechzigsten Geburtstag anspielen, der mit der Vernissage gefeiert wurde? Oder auf seine vor Ideen und Geschichten sprudelnde Persönlichkeit? Oder auf das Alter an sich? Der Wasserfall ist nur der Anfang: Anspielungen sind überreich in dieser Schau, die Kunst von 22 Individuen vereint, unter ihnen Richard Prince, Sue Williams, Mike Bidlo und Robert Ryman, Georg Herold, Rirkrit Tiravanija und Cindy Sherman.
Der eigentliche Clou aber ist, dass Urs Fischer die in der Galerie vorhergehende Ausstellung komplett abfotografiert hat - und dann wieder als Tapete auf deren Wände und Decke angebracht hat. "Man kennt doch dieses Phänomen", meint Shafrazi, "man hängt ein Bild ab und ein neues auf, aber man erinnert sich noch, wo das andere hing. Die Werke leben wie Geister weiter in den Räumen." Unter dem Titel "Four Friends" hatte Shafrazi Anfang dieses Jahres Werke seiner vier Freunde Jean-Michel Basquiat, Kenny Scharf, Keith Haring und Donald Baechler gezeigt. Haring war einst sein Galerie-Assistent und kann überhaupt als Entdeckung Shafrazis gelten: "Er war so ordentlich und fleißig. Wie er nach dem Anstreichen der Wände die Pinsel ausgewaschen hat, das war toll", schwärmt er noch heute. Alle vier Künstler waren von Graffiti beeinflusst und manifestierten, so findet Shafrazi, eine optimistische Renaissance der Malerei. Einer Malerei, die sich in den Straßen, Diskotheken und U-Bahnen ausbreitete. Nun dienen ihre abfotografierten Bilder als Hintergrund für eine neue Auswahl älterer und auch eigens in Auftrag gegebener Werke, die sich darüber, davor und darunter ausbreiten.
Auf die Geister der achtziger Jahre haben Urs Fischer und Gavin Brown zum Beispiel Francis Picabias elegantes "Porträt einer Schauspielerin" gehängt, das sich inmitten eines scheinbar naiven Gemäldes von Donald Baechler mit vielen bunten Gummibällen befindet, oder einen düsteren Kardinalskopf von Francis Bacon, der den Betrachter aus einer Dschungellandschaft anstarrt, in der sich Kenny Scharfs alberne Comicwesen tummeln. Die Holländerin Lily van der Stokker hat knallige Übermalungen angebracht, die mal ein Bild einrahmen, wie ein Theatervorhang aus pinkfarbenem Kaugummi, und mal als hellblaue Fluten drohen, einen Basquiat für immer versinken zu lassen. Jeff Koons' farbiges Holzrelief mit Blumen und Kolibri prangt auf einem Raumschiff, das Kenny Scharf mit Sprühdosen im Stil der Jetsons gemalt hat.
Nicht nur die Wände, auch die unauffälligen Betonoberflächen der Decke wurden samt Luftschächten und Lampen abfotografiert und mit hohem technischen Aufwand als Tapete wieder an der Decke angebracht. Besonders komisch wirkt das Wachpersonal, echte Männer aus Fleich und Blut, die beide in stoischer Ruhe an ihren üblichen Plätzen stehen - neben ihren eigenen lebensgroßen Porträts. Ein Geräusche schluckender, dichter weißer Teppichboden verbindet alle Galerieräume und zieht sich sogar durch den Aufzug: Inklusive der silbernen Farbflecken, die aussehen wie zufällig, stammt dieser Teil der Installation von Rudolf Stingel.
An seinem Geburtstag haben Gavin Brown und Urs Fischer Tony Shafrazi eine Riesentorte überreicht, die mit einer Guernica-Replik aus Zucker geschmückt war. Sie drückten ihm eine Spritzpistole mit rotem Zuckerguss in die Hand. "Schreib, Tony, schreib!", habe Brown vor den johlenden Gästen gerufen, berichtet der Kunstkritiker Jerry Saltz von der Party. Langsam schrieb Shafrazi die Worte "I AM SORRY" auf den Guernica-Kuchen. Doch nach kurzem Zögern folgte das Wort "NOT" - und verwirrte das Publikum einmal mehr.
Noch bis zum 12. Juli.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.06.2008, Nr. 26 / Seite 59
PS: Die FAZ am Sonntag ist sicherlich die beste deutschsprachige Sonntagszeitung. Besonders auffallend: Ihr Umgang mit Fotografien.
29.06.2008