documenta 12

Über die diesjährige documenta ist schon genug geschrieben worden und
da das unverheiratete Kuratorenpaar keine Rezensionen liest
(Interview, Die Zeit online) sollte man sich eigentlich weitere
Kommentare sparen. Doch die documenta selbst hat sie verdient: Sie ist
ein Desaster.

1. Die Inszenierung der Arbeiten auf farbigen Wänden, bevorzugt dunkle
Rot- und Grüntöne (auch der Boden im Aue-Pavillon hat diese rote Farbe
angenommen; wieso nur?) ist museal, mit dem Effekt, dass die Werke Mühe
haben, sich zu behaupten. Sie versinken in die Wände, die Präsenz wird
ihnen entzogen. Die extrem dunkle Beleuchtung (jedes
Tageslicht wird ausgeblendet) behandelt die Exponate darüber hinaus wie in
einem vermufften Naturkundemuseum, besonders in der Neuen Galerie.

2. Die Zusammenstellungen der verschiedenen Arbeiten in den Räumen oder auf
einer Wand entzieht sich in den meisten Fällen dem Verständnis oder es wird
plakativ (Neger zu Neger, wie im Schloss Wilhelmshöhe zu sehen). Besonders
im Aue-Pavillon ist es offensichtlich: Da geht und gehört sehr wenig zusammen.
Rote Fäden, wie die immer wieder auftauchenden Arbeiten von John McCracken
oder Weiweis 1001 Stühle, helfen nicht weiter. Der Aha-Effekt, etwas an anderer
Stelle schon mal gesehen zu haben, führt zu keinen weiteren Erkenntnissen. Die
räumliche Verteilung scheint wahllos zu sein; hier viel Platz, dort eine Lücke, hier
eine Konzentration. Die Besucher reagieren entsprechend: Sie irren mehr
zwischen den Objekten hin und her, als das sie bewusst Verknüpfungen
schaffen (können).

3. Die Erwartungshaltung für eine documenta, die die aktuellen Stars der
Kunstszene verschmähte, war gross: Sie entzieht sich dem
Markt und versucht einen anderen Zugang. Das Ergebnis: Ein Sieg des
Durchschnitts. Die Stars sind nicht
umsonst Stars (Roger Federer ist auch nicht umsonst die Nummer eins im
Tennis). Man stelle sich eine documenta vor mit den interessanten und
grossartigen Werken der letzten fünf Jahre! Wozu muss man da auf ältere und
alte Kunst zurückgreifen? Die Tanzperformance von Trischa Braun wurde zu
Recht in vielen Rezensionen als eine der besten Arbeiten hervorgehoben. Sie
ist 30 Jahre alt! Worüber sagt das was aus? Über den Stand der aktuellen
Kunstproduktion oder über das gequälte Kunstverständnis der Kuratoren?

4. Es ist politisch nicht korrekt, sich über die vielen ethnologisch
begründeten Arbeiten zu mokieren. Gegen z. B. ein exotisches Video oder
fotografiertes "Dokumentationselend" aus der Dritten Welt lässt sich kaum
Kritik üben, ohne politisch auf der verkehrten Seite zu landen. Aber viele
dieser Arbeiten tragen zum geringen Niveau dieser documenta bei. arte lässt
grüssen.

Natürlich habe ich mich als Erreger über jede documenta aufgeregt.
Über einzelne Werke, über unsinnige Inszenierungen, usw. Aber dieses Mal ist
es anders: Es erregt nichts, weder positiv noch negativ. Man muss alles
Drumherum ausblenden, um die Qualitäten einzelner Werke wahrzunehmen.
Lässt man sich jedoch auf die Inszenierung ein, verlieren sie sofort jede Wirkung.
Die Energie wird ihnen geraubt. Und das regt mich auf, dass hier die Kunst ruhig
gestellt wird. Der Biedermann und die Biederfrau haben gesiegt: Kunst
fürs Schlafzimmer (der wundervolle Teppich ist ja auch schon da).

29.08.2007
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© Ulrich Görlich 2006 - 2008, aktualisiert am 1. Januar 2009